Glück geht anders

,,Glück geht anders“ 

Textschnipsel (Teil 2)

Mit zerrissener Hose sowie einer Laune, die bis zum Himmel stinkt, schiebt Paul sein Fahrrad durch die noch leeren Gänge der Schule und stellt es in der Werkstatt des Hausmeisters ab. Draußen würde er nichts Wichtiges stehen lassen, da die Schüler – auch zerstörende Monster genannt – es fertigbringen würden, das Rad zu demolieren, während sie es sich mit dem bloßen Auge anschauen.

Das gilt es zu vermeiden.

Auf dem Weg zum Lehrerzimmer kommt ihm Liza entgegen. Die Powerfrau mit roten Haaren ist Pauls Arbeitskollegin, Freundin und ein absolut verrückter, aber auch liebenswerter

Mensch. »Hi, Paul!« Besorgt schaut sie an ihm herab.

»Wie siehst du denn aus?« Sie tritt näher an ihn heran, rümpft die Nase. »Sag mal, hast du etwa gesoffen?«

»Ich bin gefallen und ja, ich habe gestern Abend was mit Tom getrunken, ist etwas spät geworden.«

Genervt will er sich an ihr vorbeischieben, um wenigstens noch einen Kaffee zu erhaschen, bevor er in den Unterricht muss.

»Moment!« Mit einem kräftigen Griff hält sie Paul am Kragen fest. »So kannst du nicht da reingehen, die zerfleischen dich, ehe du bis drei gezählt hast. Komm mit!« Sie zieht ihn zu

den Toiletten und lässt ihn dort stehen.

»Rühr dich nicht vom Fleck! Ich bin gleich zurück.«

Fünf Minuten später ist sie wieder da, drückt ihm eine Jeans in die Hände. »Hier, die hatte ich im Auto. Zieh sie an, beeil dich aber, der Unterricht beginnt bald.«

Weil Lizas Mann keinen Sport macht, er daher keine Wechselkleidung benötigt, besteht nur eine einzige Möglichkeit, weshalb er die Hose im Auto verloren hat. »Ich glaube, ich möchte

nicht wissen, warum Jens’ Hose im Auto herumfliegt?«

»Nein, das möchtest du wirklich nicht!«

Sie zwinkert ihm mit einem Auge zu, geht dann ins Lehrerzimmer.

Nachdem Paul einen Moment lang skeptisch die Jeans beäugt, die ungewaschen erscheint, wechselt er zügig die Hosen.

Danach folgt er seiner Kollegin, um schnell zu der Quelle seines Überlebenselixiers zu gelangen. Mit zittrigen Fingern greift er nach der Kaffeekanne und schenkt sich eine Tasse ein.

»Willst du auch einen?«

»Nein, danke!«, murmelt Liza.

Er lässt sich neben ihr auf dem Stuhl nieder. »Bist du krank?

Normalerweise würdest du morden, um an deinen Stoff zu kommen!«

Als sie nach einigen Sekunden immer noch schweigt, beugt er sich vor, um ihr ins Gesicht zu schauen, bleibt allerdings an ihrem freudigen Blick hängen. Sie wackelt kokett mit den Augenbrauen, greift nach ihrem Notizbuch, reißt ein Stück Papier heraus, dann kritzelt sie etwas darauf. Anschließend legt sie ihm

den Zettel vor seine Nase, sodass nur er ihn lesen kann.

Bitte keine lauten Freudengesänge oder Heulattacken, sonst kündige ich

dir die Freundschaft! Ich bin schwanger!

Was? Wow! Er strahlt sie an, greift nach Lizas Hand, die auf ihren Beinen liegt, drückt diese fest.

Dann nimmt er sich den Kugelschreiber und schreibt:

Ihr bekommt gar nicht genug voneinander, was?; -) Glückwünsche auch an Jens.

PS: Du solltest dir lieber einen Pseudokaffee zulegen, sonst bleibt dein Geheimnis nicht lange geheim!

Es ist toll, zu sehen, dass es die wahre Liebe wirklich gibt.

Jens und Liza sind das Traumpaar schlechthin. Sie haben bereits ein Kind, sind super glücklich, jede freie Minute verbringen sie miteinander. Eigentlich dachte Paul stets, dass Jessi und

ihn das gleiche Glück heimsuchen würde. Unglaublich, wie man sich täuschen kann.

»Guten Morgen, Herr Kirschen«, donnern ihm die dreißig Kinder seiner fünften Klasse entgegen.

Die Lautstärke ist dank seines monströsen Katers kaum zu ertragen.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht kneift Paul die Augen zusammen, während er seine Tasche auf den Tisch legt. Missmutig betrachtet er seine Bücher, die bis auf ein oder zwei Macken den Unfall unversehrt überstanden haben.

»Guten Morgen, holt bitte eure Arbeitsmappen heraus. Beginnt mit Seite zehn.«

Ruhe. Hinsetzen. Während die Schüler leise für sich arbeiten, einfach zu sich kommen.

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