Glück geht anders

Glück geht anders von Caro Line

Textschnipsel  (Teil 1)

»Paul, aufwachen!«

Wo kommen bloß diese Kopfschmerzen her? Was ist das für ein Lärm? Vorsichtig schlägt Paul die Augen auf.

Seine Mutter.

Was will die denn hier? Wo ist er überhaupt?

»Paul, du musst zur Arbeit.« Mit einem besorgten Blick streichelt sie ihrem Sohn über den Kopf.

»Mensch, lass das!« Er schlägt nach ihren Fingern wie nach einer lästigen Fliege. Verfehlt sie jedoch vollkommen, was Anja

nur mit einem Kichern quittiert.

Zwischen Paul und seiner Mutter stehen derartige Zankereien an der Tagesordnung, meist sind sie lediglich ein spaßiges Necken.

Als Paul aufsteht, wird ihm schwarz vor Augen, die Übelkeit schießt durch seinen Körper. Schnell hält er die Hand vor seinen Mund und stolpert zur Toilette. Nachdem er sich übergeben hat, stellt er fest, dass er immer noch sternhagelvoll ist.

Oje, wie soll er diesen Tag nur überstehen?

Paul will sich den Alkohol vom Leib duschen, aber da seine Taschen genauso im Wohnzimmer stehen, wie er sie gestern

dort abgestellt hat, muss eine Katzenwäsche reichen. Seine Alkoholfahne wird den Körpergeruch übertönen, da macht er

sich keine Illusionen. Unrasiert und ungekämmt verlässt er das Bad. Rasch wirft er sich frische Kleidung über.

Mein Gott, schon halb acht, er muss los.

»Komm doch wenigstens noch schnell etwas frühstücken, bevor du dich auf den Weg machst.« Mit einer angewiderten

Miene sammelt Anja die leeren Wein- und Bierflaschen zusammen, die in einer angetrockneten Alkoholpfütze auf dem

Tisch kleben.

»Im Übrigen wirst du in diesem Zustand kein

Auto fahren. Haben wir uns verstanden, mein Sohn?«

»Ach, wie soll ich denn deines Erachtens in die Schule kommen? Es ist halb acht durch!«, erwidert Paul genervt.

»Papa kann dich fahren«, entgegnet Anja prompt.

»Wie bitte?« Paul traut seinen Ohren nicht. »Vergiss es, ich fahre selbst. Soweit kommt es noch!«

Bitterböse blickt Anja ihn an, verlässt seine Wohnung mit dem Korb voller Flaschen unterm Arm und knallt die Tür zu.

Toll, endlich hat er Ruhe.

Wenn er seine Mutter sonst auch ehrt, so geht sie ihm heute Morgen tierisch auf die Nerven.

Schnell rafft er seine Habseligkeiten zusammen, sucht seinen Autoschlüssel und rennt raus.

Im Treppenhaus kommt ihm Anja noch mal entgegen. Grinsend geht sie an ihm vorbei. »Ich wünsche dir einen schönen

Tag, Junge!« Davon abgesehen, dass er sowieso nicht ganz auf der Höhe ist, fragt er sich ernsthaft, ob seine Mutter neuerdings an Stimmungsschwankungen leidet.
Die frische Luft, die ihm entgegenschlägt, als Paul heraustritt, lässt ihn innehalten.

Ihm ist hundeelend.

Nur noch ein kleines Stück, dann kann er sich in sein Auto setzen und sich ausgiebig strecken.

»Was zum Teufel …!«, brüllt er.

Seine Mutter hat ihn tatsächlich zugeparkt!

Ihr silberner BMW steht quer hinter Pauls Wa-

gen, daneben hat sie provokativ sein altes Fahrrad abgestellt.

Fluchend tritt er in das Kiesbett, sodass die kleinen Kieselsteine quer über den Hof schießen.

Zähneknirschend geht Paul zu dem rostigen Drahtesel.

Mit viel Mühe versucht er, die schwere Tasche auf dem Gepäckträger zu befestigen, aber sie kippt zur Seite. Alle Lehrbücher ver-

teilen sich auf dem Boden.

Was für ein Scheißtag!

Die Ledertasche geschultert, fährt er kurze Zeit später über die Saarbrücke. Er versucht, sich auf den Verkehr zu konzentrieren, doch seine Gedanken kreisen um den gestrigen Tag.

Jessi! Sein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen, die Übelkeit ist mit einem Schlag zurückgekehrt, hat ihn fest im Griff.

Ein Rechtsabbieger schneidet ihm den Weg ab, sodass Paul scharf bremsen muss. «Weg da!«, schreit er gerade rechtzeitig, bevor er auf den Bürgersteig ausweicht. Schlängelnd verliert er

die Kontrolle über sein Fahrrad. Er stürzt zu Boden. Seine Bücher liegen erneut um ihn herum verteilt. Paul bleibt einfach

liegen, während er den aufheulenden Motor des Unfallverursachers wahrnimmt, der sich gerade vom Unfallort entfernt.

Er will nur noch ohnmächtig werden und erst in einem halben Jahr wieder aufwachen.

Dann dürfte der größte Ärger in seinem Leben vorüber sein.

»Himmelherrgott, haben Sie sich verletzt?« In sein Blickfeld schiebt sich eine bildhübsche Erscheinung. Ein weiches Gesicht,

umrandet von einer braunen Lockenmähne, nähert sich ihm.

Jetzt ist es doch geschehen, er ist im Himmel. Langsam hebt er seine Hand empor, berührt mit seinen Fingerspitzen ehrfürchtig das Engelshaar. Ihre Lippen formen sich zu einem

wunderschönen Lächeln, welches ihre braunen Augen erstrahlen lässt. Paul lächelt sie selig an. »Geht’s Ihnen gut?«, fragt die Fremde.

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